Liebe Mitchristen,

vielleicht haben Sie sich unsere Osterkerze schon einmal aus der Nähe angesehen, nachdem sie in der Osternacht draußen am Osterfeuer entzündet wurde. Dann ist Ihnen vermutlich aufgefallen, dass nicht wie zu erwarten Jesus im Mittelpunkt steht sondern Maria von Magdala. Maria von Magdala zierte im Jahr 2014 die von Gabriele Schlüter gestaltete Osterkerze. Maria von Magdala steht auch heute im Zentrum unseres Gottesdienstes.

Doch wer war diese Frau überhaupt? Sünderin, Prostituierte, Geliebte Jesu? Oder doch Jüngerin, Apostelin, Glaubensvorbild? Es lassen sich zahlreiche Titel für sie finden. Die Bibel berichtet allerdings nur relativ wenig über sie. Sie stammt aus Magdala, dem heutigen Migdal am See Gennesaret. Nach Lukas und Markus hat Jesus sieben Dämonen aus ihr ausgetrieben, woraufhin sie ihm nachgefolgt ist bis zum Kreuz auf Golgotha und darüber hinaus am Ostermorgen zum leeren Grab. Im heutigen Evangelium haben wir gehört, dass Maria von Magdala es ist, die den Aposteln von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichtet. Von daher wird sie auch oft als Apostelin der Apostel bezeichnet.

Über diese Berichte hinaus wissen wir vor allem Legendenhaftes von Maria von Magdala. Sie soll im Jahre 42 in einem segellosen Schiff in der Provence gestrandet sein – am heutigen Wallfahrtsort Saintes-Maries-de-la-Mer. Bei Aix-en-Provence in einer Grotte soll sie dann jahrelang als Büßerin gelebt haben. In Saint-Maximin-la-Sainte-Baume wurde sie bestattet. Desweiteren werden aber auch im burgundischen Vezelay Reliquien der Heiligen verehrt. In den orthodoxen Kirchen geht man von einem Grab in Ephesus aus.

Heutzutage wird Maria von Magdala, häufig auch medienwirksam, als Geliebte Jesu oder gar als seine Frau und Mutter seiner Kinder beschrieben. Doch in den Quellen finden sich keine Anhaltspunkte für ein wie auch immer geartetes Liebesverhältnis Jesu zu Maria von Magdala. Aus den Synoptikern werden Konturen einer bedeutenden Frauengestalt in der Nachfolge Jesu sichtbar, weitergehende Vorstellungen einer bevorzugten Jüngerin, wie sie etwa das Maria- oder das Philippusevangelium bezeugen, dürften sich vor allem der Exegese des Johannesevangeliums verdanken, das mit nur wenigen Worten eine innige Szene der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Herrn andeutet.

Kommen wir zurück zu dem heutigen Bericht über Maria von Magdala aus dem Johannesevangelium. Maria von Magdala ist Jesus bis zum Kreuz gefolgt. Dann am ersten Tag der Woche kam sie zum Grab, von dem der Stein weggenommen war. Sofort lief sie zu Simon Petrus und dem zweiten Jünger, um ihnen davon zu berichten. Während der Jünger, den Jesus liebte, das leere Grab sah und glaubte, spürte Maria von Magdala weiterhin die große Trauer, die sie wohl seit der Kreuzigung Jesu empfand. Das leere Grab und die beiden Engel konnten sie nicht trösten.
Dann wandte sie sich um und sah Jesus, erkannte ihn jedoch nicht – im Gegensatz zu uns heute, die wir den Auferstandenen im liturgischen und sakramentalen Leben der Kirche erfahren. Maria von Magdala erkannte Jesus erst, als er sie beim Namen rief: Maria! Dies ist der eigentliche Wandel, die Wende in der Geschichte. Sie antwortete darauf mit der Anrede „Rabbuni – Meister!“. Durch diese Anrede drückt sie nun ihr neues Verhältnis zu Jesus aus, das ihrer Schülerschaft. Nachdem sie Jesus erkannt hatte, sagte dieser zu ihr: „Μή μου ἅπτου – Halte mich nicht fest!“ Ostern bedeutet einen radikalen Neuanfang, der den Abbruch bisheriger Beziehungen zwischen Jesus und jenen, die ihn gekannt haben, umfasst. Die Pointe des Wortes an Maria von Magdala liegt also darin, dass Jesus sich hier sozusagen „auf dem Weg“ zwischen der Auferstehung von den Toten und seinem „Aufsteigen zum Vater“ in einer Gestalt zeigt, die unbekannt, verwechselbar, sozusagen zweideutig ist und die sich selbst erst identifizieren muss. Zum Abschluss dieser Perikope bekommt Maria von Magdala dann den Auftrag, den Jüngern zu verkünden, dass Jesus nun hinaufgeht zu seinem und ihrem Vater und Gott, was diese dann auch tut.

Maria von Magdala – Jüngerin, Apostelin und Glaubensvorbild – so würde ich sagen. Jesus ruft sie beim Namen. Dadurch war sie die erste, die die Wendung des Glaubens vollzog:

vom Grab zum Auferstandenem,
von der Suche nach dem Toten zur Begegnung mit dem Lebenden,
vom Festhaltenwollen der irdischen Gemeinschaft zur Erkenntnis der dauerhaften Gegenwart.

Sie war die erste Zeugin der Auferstehung, die Person, die den anderen Jüngern davon berichtete und somit den Stein der Verkündigung ins Rollen brachte. Sie war die Apostelin der Apostel.

Maria von Magdala ist eine Glaubenszeugin, die fasziniert. Nachdem Jesus in ihr Leben getreten war und sie von ihrem Leiden befreite, folgte sie ihm nach – radikal und kompromisslos. Und nach seinem Tod, der für sie größte Trauer bedeutete, rief Jesus sie bei ihrem Namen. Dies schenkte ihr den ersehnten Trost. Lassen auch wir uns bei unserem Namen rufen. Lassen auch wir diese Wende und unsere Umwendung zu.
Amen.

Julia Plaggemeier

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Quellen:
- Laska, Andreas: „Apostelin der Apostel“ – Zum Gedenktag der heiligen Maria Magdalena. In: Katholische Sonntagszeitung, Regensburg, 21./22.07.2007. S. 14.
- Ruschmann, Susanne: Maria von Magdala. Stuttgart 2003.
- Welt und Umwelt der Bibel – Maria Magdalena. Stuttgart 2008.